Brad Kolodner – der Sohn folgt doch dem Vater

Brad Kolodner
[Themenschwerpunkt Clawhammer Banjo]
Bradley Kolodner wuchs auf in Baltimore (Maryland) umgeben von Folk und Old-Time Musik. Sein Vater Ken Kolodner gilt als einer der bedeutensten Hammered Dulcimer Spieler und er beherrscht auch die Old-Time Fiddle. Für Brad aber war die Musik langweilig und er versuchte nur, den Übungsklängen der zahlreichen Musikschüler zu entfliehen. Klassischer Rock war viel mehr sein Ding und die Liebe ist auch geblieben.
Aber mit 17 Jahren verfällt er dem Klang des Banjos, mit 19 wird er Zweiter in einem regionalen Banjo-Wettbewerb und weitere zwei Jahre später erstürmt seine Komposition „Otter Creek“ , eingespielt zusammen mit seinem Vater und weiteren Musikern, die Folkcharts.

In der Schule hatte er Cello gespielt, aber die Musik seines Vaters erreichte ihn erst später.
Mit 17 besucht er ein Musik-Camp in Maine, bei dem auch sein Vater unterrichtet, und will eigentlich nur mit Freunden Spaß haben. Da die vermeintlich leichte Penny Whistle Klasse ausgebucht ist, landet er für eine Woche im Banjo-Workshop. Er ahnt nicht, dass damit eine Reise beginnt, die den studierten TV&Audio-Ingenieur zum professionellen Banjomusiker und -Lehrer führen wird.

Sein Banjospiel verkörpert wunderbar den typisch melancholischen Klang dieses Instruments.

Aber es geht auch fröhlicher, hier zusammen mit Bill Schmidt (3 finger style) im Banjoduett.

Inzwischen spielt er neben Banjo auch Gitarre und Fiddle und versucht sich am Gesang. Er hat die Musik, der er mit jungen Jahren aus dem Weg ging, dermaßen schnell aufgesogen, dass man wirklich gespannt sein darf, was in Zukunft noch von Brad Kolodner zu hören sein wird.

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Streunende Vögel in Harmonie

The Stray Birds

Die Gruppe The Stray Birds ist wieder so eine Entdeckung bei der Suche nach Interessantem zum Themenschwerpunkt Clawhammer Banjo. Großgeworden mit traditioneller Musik, aber auch mit klassischer Musikausbildung im Gepäck, finden die drei jungen Musiker aus Pennsylvania zu ihrem eigenen Ausdruck. Mit starken Texten und wunderschönem Harmoniegesang schaffen Maya de Vitry, Oliver Craven und Charles Muench einfach schöne Musik. Und das Clawhammer Banjo unterstützt die gefühlvollen und oft rückhaltend und intim klingenden Stücke optimal.

Maya de Vitry spielt neben Banjo auch Gitarre und Fiddle. Und mit der Geige war sie in Europa unterwegs gewesen und hatte Straßenmusik gemacht, als sie die Lieder von Townes Van Zandt neu entdeckte und dann begann, selber Songs zu schreiben.

Auch Oliver Craven fing irgendwann an, seine eigene Musik zu schreiben. Und auch er ist Multiinstrumentalist und spielt Gitarre, Fiddle und Mandoline.
Im folgenden Stück ist ca. in der Mitte beim Instrumentalteil schön zu hören, wie Banjo und Gitarre zusammenspielen und dabei „aufeinander hören“.

Charles Muench am Kontrabass ist der Dritte im Bunde und bringt den Groove in die Musik. Und eine feine Harmoniestimme.
Hier zu hören ist das traditionelle Lied Down in the Willow Garden.

The Stray Birds lieben es, umherzuziehen, zu reisen. Einen Job zu haben, der es erlaubt „on the road“ zu sein. Und sie lieben die Harmonien in ihrer Musik und dass sie auf der Bühne zwischen den Instrumenten wechseln können.  Ihren Sound beschreiben sie selber etwas scherzhaft als „roots-inspired-original-American-string-band-music“.

„Birds of the Borderland“ stammt von ihrer EP „Borderland“ von 2010.  Maya de Vitry schrieb es zu Ehren ihres Großvaters, der 1999 bei einem Flugzeugabsturz starb.
Im Juli 2012 veröffentlichten sie dann ihr eigentliches Debutalbum „The Stray Birds“ und landeten damit bei NPR in den Top 10 Americana/Folk Alben 2012. Vor allem „Dream in Blue“ wird für Folkverhältnisse zum Hit.

Wer noch nicht genug hat, kann sich noch den Audiolivemitschnitt The Stray Birds LIVE at Acoustic Long Island 9-5-2012 anhören.

Sarah Jarosz – mit Talent gesegnet

Sarah Jarosz

Sarah Jarosz  wurde am 23.5.1991 geboren und stammt aus Austin,Texas. Mit 10 beginnt sie auf der Mandoline zu spielen, mit 12 eigene Stücke zu schreiben. Mit 13 kommen Gitarre und Clawhammer Banjo hinzu. Bald jammt sie mit Größen wie David Grisman, Ricky Skaggs und Earl Scruggs auf der Bühne. Noch während ihrer Highschoolzeit unterschreibt sie beim renommierten Label Sugar Hill Records. Sie ist gerade 18 als ihr erstes Album Song Up in Her Head erscheint. Bis auf zwei Stücke (Tom Waits,The Decemberists) stammt alles aus ihrer Feder.
Hier ist sie zu hören mit dem Stück Tell me true aus ihrem Debütalbum. Bemerkenswert ist ihr 6-saitiges Banjo (Burnin‘ Sun made by Bernard Mollberg), das eine zusätzliche Basssaite aufweist, die in der Regel eine Oktave tiefer zur dritten (G-)Saite gestimmt wird.

Im Herbst 2009 beginnt Sarah Jarosz das Studium an der altehrwürdigen „New England Conservatory“ in Boston (contemporary improvisation). Die Aufnahmen für ihr zweites Album Follow Me Down  werden um ihre Lehrveranstalungen herum geplant, es erscheint schließlich 2011. Mit viel Respekt für das Traditionelle erweitert sie die musikalischen Grenzen. Vor allem der melancholische Radiohead Coversong The Tourist findet Anklang auch bei einem breiteren Publikum.
Hier zu hören ist ihre Vertonung der Ballade Annabelle Lee von Edgar Allan Poe. Die Aufnahme entstand 2011 im Rahmen der Transatlantic Sessions (No. 5) in Scotland zusammen mit Jerry Douglas, Sam Bush und weiteren namhaften Musikern.

Der Rolling Stone sieht in Sarah Jarosz ein „Wunderkind des zeitgenössischen Bluegrass“ und auch die New York Times schreibt von „einem der vielversprechendsten jungen Talente im Bereich Akustikmusik“ und einem „Singer-Songwriter, Mandoline und Banjo Wunderkind“. MSN Music nennt sie “one of the fastest-rising stars in the roots music scene”.
Man darf gespannt sein, wie sich Sarah Jarosz weiterentwickeln wird, vor allem wenn sie sich nach Abschluss des Studiums voll auf ihre Arbeit stürzen kann.

Hier spielt sie den Song Irelands Green Shore, geschrieben von Tim O’Brien, einem ihrer Vorbilder.

Die Beiträge zum Themenschwerpunkt Clawhammer Banjo konzentrieren sich naturgemäß immer nur auf das eine Instrument. Das soll aber niemanden davon abhalten, die ganze Bandbreite der Musiker kennenzulernen.
Und so gibt es auch bei Sarah Jarosz noch viel mehr zu entdecken, z.B:
Song Up In Her Head (Sarah Jarosz spielt eine Octave Mandolin  in Gitarrenform built by Fletcher Brock)
Edge Of A Dream (Sarah Jarosz an der Gitarre)
Mansinneedof (Sarah Jarosz an der Mandoline) (erhielt Grammy Nominierung)

Und zum Schluss eine wunderbare Version des Oh Mercy Dylantitels „Ring Them Bells“.
Sarah Jarosz mit Dónal Lunny, Donald Shaw, Jerry Douglas, Russ Barenberg, Mike McGoldrick, Nollaig Casey und Danny Thompson (Transatlantic Sessions No.5):

„I Draw Slow“ aus Dublin

I Draw Slow - Tønder 2012 (Foto: Michael Weilandt)

Auf meiner Entdeckungsreise zum Themenschwerpunkt Clawhammer Banjo erlebe ich selbst immer wieder freudige Überraschungen. Wie hier mit der Gruppe I Draw Slow“ aus Irland (Foto Michael Weilandt, Tønder-Festival 2012) , von der ich bislang noch nie etwas gehört hatte, auch wenn sie schon auf dem europäischen Kontinent unterwegs waren (z.B. Reeperbahn Festival Hamburg 2011).
Ihr zweites Album Redhills erschien 2011 in Irland in Eigenregie, schaffte es dort unter die Top 10 und war Album der Woche beim Sender RTE. Dies und  der Erfolg ihres aufwendig produzierten Videos „Goldmine“ auf Youtube halfen, dass das renommierte amerikanische Bluegrass-Label Pinecastle Records aus North Carolina sie im Mai unter Vertrag nahm. Redhills wurde im August während einer zweiwöchigen USA-Tour der Band (re)released.

Die Geschwister Dave (Gitarre) und Louise Holden (Gesang) musizieren schon seit ihrer Kindheit zusammen und schreiben Songs.  Dazu kommen Adrian Hart (Fiddle), Colin Derham (Clawhammer Banjo) und Konrad Liddy (Kontrabass). Interessanterweise waren alle (bis auf den Geiger)  in den späten 90er Jahren in Dublin als Funkband Tabularasa recht bekannt (Colin spielte da aber Schlagzeug statt Banjo!).

I Draw Slow schaffen es, auf der Basis von Oldtime,Americana,Roots und Irish Music einen eigenen Sound zu finden, der fasziniert und nicht nur für eingefleischte Folkies interessant ist. Und mir gefällt wie das Clawhammer Banjo hier gerade ohne artistische Kunststücke seine selbstverständliche Rolle im Ensemble spielt. Bis auf zwei Stücke sind alles eigene Stücke auf Redhills. Colin Derham erzeugt mit seinem Banjospiel in „(Satan Your) Kingdom (Must Come Down)“ eine eigentümlich athmosphärische Stimmung dieses traditionellen Spirituals.

Abschließend noch das treibende Stück Low High Low, das Spaß darauf macht, I Draw Slow einmal live zu erleben.

Links: hp / yt / fb / ms / rn

Mark Johnson – Clawgrass Banjo Man

Am 24. September waren in der David Letterman Late Show ungewöhnliche Klänge zu hören: Clawhammer Banjo! Anlass war die Verleihung des „Steve Martin Award for Excellence in Banjo & Bluegrass“ 2012 an Mark Johnson. Dazu gab es einen Scheck über $50.000. Seine Freude und Überraschung kann man auf Banjoman Dan’s Blog nachlesen.

The award goes on to state “The recipient is a person or group who has given us a fresh appreciation of this (5-string banjo/bluegrass) music through artistry, composition, innovation, and preservation.“

Und hier sind Steve Martin, Mark Johnson & Emory Lester zu hören mit „Forked Deer“:

Clawgrass ist der Titel der ersten Solo CD 1992 von Mark Johnson, die er zusammen mit den Rice Brothers (Tony Rice!), direkte Nachbarn an seinem Wohnsitz in Florida,  und anderen Freunden eingespielt hat. Clawgrass steht für die Verbindung von Clawhammer Banjo und Bluegrass Music. Mark Johnson selber beschreibt diesen Stil als „a mixture of bluegrass, folk, old time, and progressive acoustic claw-hammer„.

It really began as an experiment. I had an idea in my mind to bring clawhammer more to the mainstream; I wanted to apply it to the bluegrass new-acoustic folk sounds that the Rice Brothers were playing. … (My music) it has a bit of everything: bluegrass, folk new-acoustic, and progressive clawhammer.  – Banjo Newsletter, July 1995

Der Titel seines 97er Albums – Bridging the Gap – wird oft benutzt um seine Musik zu beschreiben: als die Verbindung („missing link“) zwischen Bluegrass und Old-time Music. Die Vertreter dieser Richtungen sind sich nicht immer grün. Während sich viele Bluegrasser als direkte Nachfahren und natürliche Erben der Oldtime Music sehen, finden viele Oldtimer ihre Tradition noch sehr lebendig und für sie ist Bluegrass ein kommerzielles, städtisches Genre, das einst erst durch Rundfunk und Schallplatte möglich wurde. Auf der Website von Dwight Diller, einem Oldtime Banjo- und Fiddlespieler aus West Virginia, findet sich ein sehr lesenswerter Artikel von Allen Feldman dazu mit dem Titel Why Bluegrass and Old Time Are Not The Same. Andererseits berichtet Chance McCoy, jüngster Neuzugang (Fiddle, Gitarre, Sänger) bei der Gruppe Old Crow Medicine Show, in einem Interview auf dem Hearth Music Blog, dass viele ältere Musiker in West Virginia mit den Begriffen wenig anfangen können, teils durcheinanderbringen. Sie spielen einfach ihre „old songs“: „Most of the people in West Virginia, for them it’s just music. They don’t even have boundaries between Bluegrass and Old Time; that doesn’t even exist really“.

Auch wenn also ein Graben zwischen den Musikrichtungen, oder vielleicht besser zwischen dahinterliegenden Auffassungen vom Musikmachen, durch die Musik von Mark Johnson nicht wirklich überwunden wird, hat er gezeigt, dass das Clawhammer Banjo auch im Bluegrass-Kontext bestehen kann. Was macht nun den Unterschied? Während das Spiel des Clawhammer Banjo traditionell eher von der Fiddle Musik beinflusst ist, nennt Mark Johnson für seinen Clawgrass Stil die moderne Bluegrass Gitarre als prägend. Sein Spiel beruht bis in hohe Lagen hinein mehr auf Akkordgriffen, er nutzt Rolls und Melodieläufe. Er bevorzugt einen helleren, obertonreichen Klang beim Banjo. Den liefert etwa sein 1929 Vega Tubaphone Banjo oder das Deering Clawgrass Banjo,  das als eigenes Modell entstand. Und er schwört auf seine zwei künstlichen Fingernägel aus Acryl. Wer die Spieltechniken von Mark Johnson nachvollziehen will, sollte sich seine Clawgrass Lehr-DVD bei Homespun mal anschauen und natürlich seine Aufnahmen anhören.

Hier sind Mark Johnson und sein Partner Emory Lester zu hören mit dem Lied „The dark and rolling sea“ von Al Stewart:

Mark Johnson & Emory Lester – John Wilks Booth. Wunderschön!